Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft frühzeitig ausgeschieden. Überraschend? Jein, denn offensichtlich zählt sie nicht mehr zur Weltspitze. Ähnlich wie die deutsche Wirtschaft bzw. Industrie. Doch der Retter naht. Hurra!

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zählt nicht mehr zur Weltspitze.
Die deutsche Nationalmannschaft ist im Spiel gegen Paraguay frühzeitig aus der Fußball-WM ausgeschieden. Und alle Fußball-Interessierten in Deutschland fragen sich entsetzt: Wie konnte das gegen die Fußball-Nationalmannschaft eines Landes geschehen, das
- nur sieben Millionen Einwohner hat und
- zu den Fußballzwergen zählt?
Doch war das Ausscheiden der deutschen Fußball Nationalmannschaft wirklich so überraschend? Wenn ich mir die Zusammensetzung der Teams der deutschen Bundesliga-Mannschaften anschaue, dann sage ich „Nein“.
Schwachstelle Scouting und Talententwicklung!?
Denn inzwischen sind fast zwei Drittel der Bundesliga-Spieler nicht-deutscher Herkunft – darunter fast alle Schlüsselspieler! Und nur noch vereinzelt gelingt einem Nachwuchsspieler der Bundesligisten der Sprung in deren erste Mannschaft. Und dies, obwohl alle Vereine große Nachwuchsförderzentren haben.
Stattdessen werden – so mein Eindruck – Jahr für Jahr immer mehr „Legionäre“ aus dem Ausland eingekauft. Warum? Weil das nötige „Roh-Material“ – also der Nachwuchs mit Entwicklungspotenzial – in Deutschland fehlt oder …? Ich weiß es nicht! Doch woher sollen dann plötzlich all die überragenden Spitzenkicker kommen, die die deutsche Fußball Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft führen?
Mein Eindruck ist: Die Fußball-Fangemeinde in Deutschland hegte lange Zeit noch die Illusion „Wir gehören zumindest zur erweiterten Weltspitze“ – aufgrund der Erfolge in der Vergangenheit und weil die Fußball-Bundesligamannschaften in den zurückliegenden Jahren international noch einigermaßen konkurrenzfähig waren. Sie übersahen dabei, dass die Bundesliga-Vereine dies nur noch sind, weil sie die Finanzkraft haben, das hierfür erforderliche Personal in Ausland einzukaufen – und nicht, weil sie (wie die Franzosen oder Spanier) selbst die Top-Fußballspieler entwickeln, die den gewünschten Erfolg ermöglichen.
Die Illusion „Wir sind (noch) Weltspitze“ platzt. Endlich!
Die deutschen Fußball-Fans erlagen bezogen auf die Qualität des deutschen Fußballs einer ähnlichen Fehleinschätzung, wie sie bezogen auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft teils heute noch besteht. Auch diesbezüglich hegte unsere Gesellschaft bis vor zwei, drei Jahren noch die Illusion „Wir sind Weltspitze“, schließlich sind wir noch Exportweltmeister und erzielen die deutschen Unternehmen (im Ausland) noch hohe Gewinne – obwohl unsere Wirtschaft schon längst
- in vielen Bereichen zumindest technologisch von den USA, China, Südkorea usw. überholt worden war und
- ohne einen Zukauf von Energie und solcher Vorprodukte wie Chips, Batterien usw. aus dem Ausland nicht mehr leistungsfähig war.
Doch das wollten wir alle nicht sehen und wahrhaben; bis nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der nur ein Weckruf und nicht die Ursache war, allmählich das böse Erwachen kam.
Und sogleich begann die Suche nach den Schuldigen. „Die Merkel ist schuld. Sie hat 16 Jahre geschlafen.“ Nein, wir alle sind und waren schuld. Denn wir alle wollten nicht sehen und wahrhaben, dass
- andere Gesellschaften leistungs- und veränderungsbereiter als wir sind,
- die Industrie in anderen Ländern innovativer, zukunftsorientierter als unsere ist und
- wir in den letzten Jahren in eine immer größer werdende Abhängigkeitsfalle geraten sind.
Denn wir alle – egal, ob Wirtschaft, Politik oder Bevölkerung – waren nicht bereit, etwas fundamental zu verändern, denn wir fühlten uns im Status-quo noch wohl.
Der Nagelsmann ist – wie die Merkel – an allem schuld
Ähnlich verhält es sich nun bezogen auf die Nationalmannschaft. „Der Nagelsmann ist schuld. Er hat …“ lautet nun die reflexartige Reaktion, obwohl meines Erachtens – als begeisterter Fußball-Gucker – die Ursachen für das Versagen der deutschen Nationalmannschaft eher struktureller als persönlicher Natur sind. Trotzdem wird Nagelsmann zeitnah zurücktreten müssen; auch weil sich personelle Veränderungen stets leichter und schneller als strukturelle und kulturelle vollziehen lassen – was sich auch in Unternehmen immer wieder zeigt.
Wegen dieser Art der Problembearbeitung fällt es auch den Top-Managern in den Unternehmen fast immer schwer, zumindest öffentlich einzugestehen
- „Ja, wir haben einen Fehler gemacht“ oder
- „Ja, wir unterlagen einer Fehleinschätzung“.
Stattdessen verweisen sie reflexartig fast immer auf die schlechten Rahmenbedingungen, die Versäumnisse der Politik usw., weil sie wissen: Wenn ich Fehler öffentlich eingestehe, kann ich gleich meinen Hut nehmen (… und dies schwächt meine Verhandlungsposition bei einer möglichen Abfindungsverhandlung).
… also muss er als Team-Manager auch die Konsequenzen tragen
Ähnlich verhält es sich nun bei Julian Nagelsmann. Ihm werfen Kritiker vor, er sei zwar absolute Spitze im Konstatieren von Fehlern bei anderen, aber unfähig eigene Fehler und Fehleinschätzungen zu erkennen und diese einzugestehen.
Ob dies zutrifft, kann ich – da ich Julian Nagelsmann nicht persönlich kenne – nicht einschätzen. Wenig überraschend war es für mich aber, dass Nagelsmann auf die Frage unmittelbar nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, ob er auch ein Aufgeben seiner Position als Nationaltrainer erwäge, schmallippig antwortete: „Ich bin niemand der eine Sache einfach hinschmeißt. Ich stelle mich Herausforderungen…“.
Der nächste Messias, Jürgen Klopp, wird es richten. Oder?

Doch keine Angst,der nächste Trainer – bzw. Messias – wird es richten.
Er reagierte also ebenso, wie dies Top-Manager zumeist tun, wenn sie schlechte Nachrichten bezogen auf ihr Unternehmen verkünden müssen und nach ihrer beruflichen Zukunft gefragt werden.… Vielleicht, weil Nagelsmann in diesem Moment auch schon
- an seine anstehenden Vertragsauflösungsverhandlungen mit dem DFB dachte und
- wusste: Nach Joggi Löw, Hansi Flick und mir steht schon der nächste Messias, nämlich Jürgen Klopp bereit, der die Sache als Person nun richten soll.

