22 Okt.

Führungskräfte: Gesundheitsbewusst, aber oft belastet und gestresst  

GESUNDHEITSMANAGEMENT, BGM. Die meisten Führungskräfte leben heute gesundheitsbewusster als früher. Trotzdem ist ihre gesundheitliche Belastung oft hoch, unter anderem, weil sie beruflich und privat unter Dauerstress stehen. Ein Gespräch mit Hans-Peter Machwürth, der mit seinem Team Unternehmen im Bereich Gesundheitsförderung unterstützt.

 

 

Hans-Peter Machwürth: „Die Führungskräfte ‚ticken“ heute anders als vor 30, 40 Jahren“

? Herr Machwürth, wie gesundheitsbewusst sind die Führungskräfte im deutschsprachigen Raum?

Hans-Peter Machwürth: Deutlich bewusster als früher.

? Was veranlasst Sie zu dieser Aussage?

Machwürth: Wenn ich an unsere ersten Gesundheitsmanagement-Seminare vor etwa 30 Jahren denke, muss ich einfach konstatieren: Die Führungskräfte ticken heute ganz anders.

 

 

Führungskräfte sind und leben gesundheitsbewusster

 

? Inwiefern?

Machwürth: In den 80er und 90er Jahren waren viele Führungskräfte noch passionierte Raucher und sprachen auch dem Alkohol – aus heutiger Sicht – übermäßig zu. Und Sport trieben sie eher sporadisch, etwa beim Skifahren, Tennis oder Golf spielen. Das hat sich fundamental geändert. Heute betreiben die meisten Führungskräfte regelmäßig solche Gesundheits- bzw. Ausdauersportarten wie Joggen, Walken oder Rennradfahren. Sie ernähren sich zudem gesünder. Außerdem sind sie, wenn überhaupt, nur noch Gelegenheits- und Genussraucher. Ähnliches gilt für ihre Alkoholkonsum.

? Sinkt aufgrund des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins die Nachfrage nach Ihren Leistungen im Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)?

Machwürth: Das Gegenteil ist der Fall, da wir ja präventiv und nicht kurativ tätig sind. Dass die Führungskräfte gesundheitsbewusster sind, heißt auch, dass sie sich stärker für Gesundheitsthemen interessieren – etwa dafür, wie sie ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig erhalten können. Folglich interessieren sie sich auch verstärkt für Präventionsangebote. Hinzu kommt: Die Belastungen der Führungskräfte sind, so mein Eindruck, sogar noch gestiegen, auch wenn es heute andere als früher sind. Das zeigt sich unter anderem der Anstieg chronischer und psychischer Erkrankungen in den zurückliegenden Jahren.

 

 

Stressmanagement wird immer wichtiger

 

? Was erachten Sie als zentrale Ursache für die erhöhte gesundheitliche Belastung?

Machwürth: Ein zentraler Faktor ist das Thema Stress. Dieses spielt heute, wenn es um die Gesundheitsvorsorge geht, eine viel größere Rolle als früher.

? Warum?

Machwürth: Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Ein oft unterschätzter Faktor ist, dass die sozialen Einheiten in unserer Gesellschaft immer kleiner und fragiler werden.

? Meinen Sie damit, dass die Menschen zunehmend in Kleinfamilien oder als Singles leben?

Machwürth: Ja. Deshalb fehlen ihnen im Bedarfsfall oft soziale Stützsysteme – etwa wenn ein Kind, der Lebenspartner oder ein Elternteil erkrankt. Belastung kann dann schneller in Überlastung umschlagen. Hinzu kommt die immer komplexere und stärker vernetzte Arbeitswelt. Der rasche Wandel in ihr erschwert die langfristige Planung – beruflich wie privat.

? Denken Sie dabei an solche Changetreiber wie die globalen Konflikte, den Klimawandel und die Künstliche Intelligenz?

Machwürth: Unter anderem. Insbesondere die Personen in den Unternehmen, bei denen viele Fäden zusammenlaufen, stehen heutzutage unter einem permanenten Druck. Damit steigt die Gefahr, dass ihre Belastung in Überlastung umschlägt und sie mittel- bis langfristig erkranken.

 

 

Auf Anspannung muss Entspannung folgen

 

Hans-Peter Machwürth beim Entspannen mit seinem Hund Amigo

? Sind die Führungskräfte nicht auch deshalb in ihren Positionen, weil sie ihre Stressresistenz und Widerstandsfähigkeit schon oft bewiesen haben?

Machwürth: Ja. Aber auch für sie gilt: Wenn auf Phasen der Anspannung keine Phasen der Entspannung folgen, stoßen sie irgendwann an ihre Belastungsgrenzen – der eine früher, der andere später. Oder er entwickelt ungewollt und unbewusst einen eher ungesunden Lebensstil.

? Worin zeigt sich dieser?

Machwürth: Zum Beispiel darin, dass die Betroffenen häufiger zu Alkohol oder Aufputschmitteln greifen, das Joggen ausfallen lassen oder sich ungesünder ernähren. Gerade in Phasen hoher Anspannung geraten Gesundheit und Regeneration leicht in den Hintergrund.

 

 

Mehr Nachfrage, andere Schwerpunkte im BGM-Bereich

 

? Ist den Betroffenen und Arbeitgebern bewusst, dass hier ein Handlungsbedarf besteht?

Machwürth: Zumeist ja. Das zeigt unter anderem die gestiegene Nachfrage nach Angeboten im Betrieblichen Gesundheitsmanagement – nicht nur bei uns, sondern etwa auch bei Check-up-Anbietern.

? Haben sich aufgrund des gestiegenen Gesundheitsbewusstsein auch Ihre Angebote verändert?

Machwürth: Ja. Da Führungskräfte und andere Leistungsträger heute gesundheitsbewusster sind, müssen wir in Trainings und Coachings weniger Überzeugungsarbeit leisten. Die zentrale Frage lautet heute: Was muss ich tun, damit langfristig gesund und leistungsfähig bleibe?“ Zudem spielen heute die Themen Stressmanagement und Regeneration sowie Resilienz eine viel größere Rolle als früher.

 

 

Die Resilienz, also Widerstandskraft der Führungskräfte stärken

 

? Wird die Bedeutung des Themas Resilienz noch steigen?

Machwürth: Davon gehe ich aus; ebenso die des Themas Work-life-balance.

? Warum?

Machwürth: Offen gesagt: Ich vermute, dass der Lebens- und Arbeitsalltag der Führungskräfte in Unternehmen künftig nicht weniger herausfordernder als heute sein wird.  Deshalb werden für sie auch die Themen Work-life-balance, sowie Resilienz, also Auf- und Ausbau der erforderlichen Widerstandskraft, eine immer größere Bedeutung haben. Das wird sich auch in unseren Seminaren, Trainings und Coachings widerspiegeln. Denn letztlich geht es den Teilnehmenden nicht nur darum, ihre Gesundheit, sondern auch ihre Freude am Leben und an ihrer Arbeit zu bewahren. Denn das ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dauerhaft leistungsfähig und leistungsbereit zu bleiben.

? Vielen Dank, Herr Machwürth, für das Gespräch.

 

Zum Interviewten: Hans-Peter Machwürth ist Geschäftsführer des international agierenden Trainings- und Beratungsunternehmens Machwürth Team International (MTI Consultancy), Visselhövede. das Unternehmen unter anderem im Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) unterstützt.

 

Willy Laux, Autor des Interviews

Zum Autor: Willy Laux (36), Köln, beschäftigt sich als Autor und freier Journalist schwerpunktmäßig mit den Themen Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und gesellschaftlicher Wandel. Mit seinen multimedialen Beiträgen begleitet er die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation.

Wünschen Sie mehr Infos über die Autoren dieses Blog-Beitrags und die Leistungen der PRofilBerater, dann klicken Sie hier. Möchten Sie künftig über neue Blog-Beiträge informiert werden? Wenn ja, dann senden Sie uns bitte eine Mail.